Die Konservatorische Versorgung des Bestandes «Privilegien» im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Das Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main beherbergt eine der bedeutendsten städtischen Überlieferungen Europas und kann im Jahre 2011 auf eine 575-jährige Tradition zurückblicken. Denn schon 1436 wurde der erste städtische Archivbau, der Turm Frauenrode, eingeweiht. Die schriftlichen Zeugnisse, welche im Institut aufbewahrt werden, reichen sogar noch weiter zurück. So stammt das älteste dort aufbewahrte Schriftstück aus dem Jahre 882, ausgestellt vom Kaiser Karl dem Dicken, welcher darin dem Bartholomäusstift in Frankfurt verschiedene Ländereien schenkte.

Ursprüngliche Verpackung der Privilegien
Die Privilegien sind der wichtigste städtische Urkundenbestand und schreiben die wichtigsten Rechte und Privilegien der Stadt fest und machen sie somit beweisbar. Die ca. 750 Urkunden unterschiedlichster Machart, vorwiegend jedoch in der klassischen Form der Pergamenturkunde mit anhängenden Wachssiegeln vorliegend, waren im 19. Jhd., wahrscheinlich von einem Buchbinder, in maßgefertigte Schachteln verpackt worden. Die Schachteln bestanden jedoch aus ungeeigneten stark säurehaltigen Strohpappen und waren zudem mit schwarzem Gewebe bezogen worden. Die Urkunden waren darin oft sehr klein gefaltet und die Siegel mit ungeeig neten Papphülsen oder Leinensäckchen ummantelt. In die Schachteln war durch die vorhandenen Luftlöcher im Lauf der Zeit viel Staub eingedrungen und hatte Siegel und Urkunden verschmutzt.


Vorüberlegungen und Vorarbeiten zur konservatorischen Bearbeitung der Privilegien
Im Zuge der Einrichtung einer neuen Restaurierungswerkstatt und der Einstellung einer ausgebildeten Restauratorin entschloss man sich, die Privilegienurkunden konservatorisch zu behandeln und in alterungsbeständige Kartonagen umzupacken. Die Urkunden sollten, wenn möglich, aufgefaltet werden und plan in passende Kartons montiert werden. Auf der Suche nach geeigneten Verpackungslösungen entschied man sich letztendlich für Urkundentabletts in einzelnen Kartons mit Stülpdeckel, auch wenn diese Methode im Gegensatz zu übereinander einschiebbaren Tabletts in einem Schubkasten weniger Platz sparend ist. Da die Urkunden regelmäßig angefragt und ausgeliehen werden, ist der Transport in den separierten Boxen schonender für die Objekte. Eine Seite des Urkundenkartons sollte aufklappbar sein, um das Tablett komfortabel entnehmen zu können. Durch die Montierung auf dem Tablett sind die Urkunden und vor allem die empfindlichen Siegel gegen Umherrutschen gesichert und können trotzdem zur Benutzung vorgelegt werden.

In einer ersten Maßnahme erstellte ein Sachbearbeiter eine Liste, in der alle Maße der Urkunden und Siegel inklusive der Siegelschnüre aufgelistet wurden und anhand derer ersichtlich war, wie groß die einzelnen Schutzbehältnisse sein müssten. Auf grund dieser Liste einigte man sich auf 3 Kartongrößen. Eine passgenauere Anfertigung der Behältnisse hätte einen zu großen messtechnischen Aufwand erfordert und später auch Probleme bei der übereinanderliegenden Lagerung mit sich gebracht. Auch war der Preis einer größeren Anzahl gleicher Behältnisse günstiger, als wenn die Maschine immer wieder neu eingerichtet werden müsste.

Dann stellte sich die Frage des Materials. Vollpappe hat natürlich Vorteile gegenüber Wellkarton, insbesondere im Hinblick auf Stabilität und Haltbarkeit vor allem bei Schadenszenarien. Da die Kartons jedoch teilweise recht groß ausfielen, wäre Vollpappe sehr schwer geworden und hätte die Handhabbarkeit der Kartons erschwert. Auch neigen Vollkartons bei einer zu großen Fläche zum Durchbiegen, was eine Berührung der Urkunden und Siegel zur Folge gehabt hätte. Also entschied man sich für Kartons aus Wellkarton, bezogen mit blauem Archiv- papier um ein vorzeitiges «Verschmutzen» der Oberfläche zu vermeiden.

Nach der Einholung mehrerer Angebote fanden wir in der Fa. KLUG-CONSERVATON einen kompetenten Partner, welcher dem Institut für Stadtgeschichte ein qualitätsvolles Angebot machte und die das Konservierungsprojekt fachkundig von der Bestellung bis zur Auslieferung betreute.

Die konservatorische Bearbeitung des Urkundenbestandes
Nachdem die Frage der Schutzkartonagen geklärt war und die Lieferung termingerecht durch KLUG-CONSERVATION erfolgte, begannen wir die Urkunden konservatorisch zu bearbeiten.

Die Urkunden wurden aus den alten Behältnissen entnommen, ungeeignete modernere Siegelschutzbehältnisse aus Karton oder Leinen wurden entfernt, zeitgenössische Holz- oder Metallbehältnisse natürlich belassen. Enthaltene alte Benutzerlisten sortierten wir aus, diese werden von den Archivaren zu einem späteren Zeitpunkt ausgewertet da diese eventuell interessante zeitgeschichtliche Informationen über frühere Archivnutzer enthalten. Die Urkunden und Siegel wurden vorsichtig mit Latexschwamm, Zeichenbesen und weichem Pinsel gereinigt. Leicht gefaltete oder kleine ungefaltete Urkunden wurden ohne weitere Behandlung plan montiert.

Bei starker Verknickung wurden die Urkunden einige Zeit in der moderat befeuchteten Befeuchtungskammer (um die 80% um ein zu starkes Aufquellen des Pergaments zu vermeiden) klimatisiert, um sie dann mittels Glasplatten nur an den Rändern beschwert plan zu legen. Hierbei wurde besonders darauf geachtet, die Knickstellen nicht zu extrem zu glätten, um das Pergament nicht zu beschädigen. Durch eine anschließende längere Trocknungszeit hatte das organische Material Pergament genug Zeit, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Danach erfolgte die Montage der Urkunden auf dem Tablett der Schutzkartonage. Die Urkunden fixierten wir mit übereinander geklebten Winkeln, die Siegel bekamen einen festen Halt durch in Höhe der Siegel aufgebaute Siegelbananen und umlaufende geritzte Kartonstreifen. Als Klebstoff kam technische Gelatine zum Einsatz, zum einen, weil die Klebkraft schnell einsetzt und die Montierungen so in kürzerer Zeit vorgenommen werden konnten zum anderen, weil sich dieser Klebstoff in der Restaurierung bewährt hat und keine schädigende Wechselwirkungen mit den originalen Materialien zu befürchten sind.

Besonders große Urkunden fixierten wir mit Mylarstreifen, welche durch einen Schlitz durch das Tablett geführt und nur hinten mit Lascaux Klebstoff befestigt wurden. Enthaltene Beschriftungen oder Fotos der Urkunde, die in den alten Behältnissen teilweise beilagen, fixierten wir im Kartondeckel mittels Japanpapierfälzchen und Weizenstärkekleister oder wasseraktivierbaren Papierfotoecken. Mit der konservatorischen Bearbeitung und der alterungsbeständigen Verpackung hat man die Grundlage für die sachgemäße Langzeitaufbewahrung dieses wertvollen Urkundenbestandes geschaffen.

Bericht von Jana Moczarski, Stadt Frankfurt am Main – Institut für Stadtgeschichte, Dezember 2011. Sie ist seit Januar 2012 als restauratorische Leitung beim ZFB-Zentrum für Bucherhaltung Leipzig tätig.

Das Anwendungsbeispiel können Sie auch ausdrucken.

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